Brillenauswahl

Einleitung

Fehlsichtigkeiten lassen sich grundsätzlich durch eine Brille oder Kontaktlinsen korrigieren. Abhängig von der Art der vorliegenden Fehlsichtigkeit, dem Alter und der zu erfüllenden Sehaufgabe gilt es, das individuell passende Korrektionsmittel zu wählen. Für Bildschirmarbeiter der Altersgruppe bis ca. 40 Jahre mit einer Fehlsichtigkeit, ist es meist ausreichend die Myopie (Kurzsichtigkeit), Hyperopie (Übersichtigkeit) oder den Astigmatismus (Stabsichtigkeit) mit einer Einstärkenbrille zu korrigieren, um bequem am Bildschirm arbeiten zu können.

Mit zunehmenden Alter nimmt die Akkommodation, also die Fähigkeit des Auges sich auf Objekte in der Nähe einzustellen, immer weiter ab. Dabei handelt es sich um die sogenannte Presbyopie oder auch Alterssichtigkeit, einem ganz normalen Prozess der dazu führt, dass Personen ab einem Alter von ca. 40 Jahren häufig eine für die Bildschirmarbeit angepasste Brille benötigen. Anders als beim Lesen von einem Buch, erfordert Bildschirmarbeit scharfes Sehen in mehreren verschiedenen Entfernungen.

Die Einstärkenbrille

  • Standard Korrektionsmittel für Personen bis etwa 40 Jahre
  • Scharfes Sehen in allen Durchblickspunkten des Brillenglases bei jeder Kopf- und Körperhaltung
  • Korrektion mit speziellen Einstärkenbrille auch bei Alterssichtigkeit möglich, sofern die Akkommodation noch ausreicht
    • Brillenglas für Bildschirmentfernung angefertigt
      • Keine scharfe in der Ferne
      • Tastatur muss durch Akkommodation scharf gestellt werden, funktioniert nur solange dies ohne Beschwerden (z.B. Symptome des Computer Vision Syndrom) erfolgen kann

Abb.1: Sicht bei nicht vorhandener Alterssichtigkeit (Personen bis etwa 40 Jahren) mit einer normalen Einstärkenbrille (Fernbrille, bei vorhandener Kurz- oder Übersichtigkeit)

Abb.2: Sicht bei einsetzender Alterssichtigkeit (Personen ab etwa 40 Jahren) mit (links) einer normalen Einstärkenbrille (Fernbrille) und (rechts) speziellen Einstärkenbrille (auf Bildschirmentfernung berechnet)

Abb.3: Sicht bei ausgeprägter Alterssichtigkeit (Personen ab etwa 60 Jahren) mit (links) einer normalen Einstärkenbrille (Fernbrille) und (rechts) speziellen Einstärkenbrille (auf Bildschirmentfernung berechnet)

Sonderfall: Lesebrille

  • Die Lesebrille ist auch eine Einstärkenbrille, die in erster Linie von alterssichtigen Menschen verwendet wird, die weder Kurz- noch Übersichtig sind.
  • Schaut der Nutzer über die Brille hinweg, wird die Umwelt (je nach Ausprägung der Alterssichtigkeit) bis zu einer endlichen Entfernung vor dem Auge scharf abgebildet. Bei einsetzender Alterssichtigkeit ist so der Bildschirm häufig noch scharf zu sehen.
  • Für die Betrachtung der Tastatur oder Ausdrucken (Lesegut) nutzt die Person den Blick durch die Lesebrille. Häufig entsteht durch diese Nutzung eine zwanghafte Körperhaltung (siehe Abb. 4), die auch zu körperlichen Beschwerden führen können.

Abb.4: Körperhaltung bei Verwendung einer Lesebrille am Bildschirm

Die Bifokalbrille

  • Ermöglicht durch Einschliff scharfes Sehen in zwei verschiedenen Entfernungen
  • Standardmäßig für die Ferne im oberen Teil der Brillenglases und der Nähe im Einschliff im unteren Teil des Brillenglases ausgelegt
    • Funktioniert bei Jung-Presbyopen (Personen ab 40 Jahren) recht gut, sofern die Akkommodation noch ausreicht
    • Bei ausgeprägter Alterssischtigkeit kann der Bildschirm nicht mehr scharf gesehen werden
  • Spezielle Anpassung für den Bildschirm möglich
    • Im oberen Teil des Brillenglases wird die Entfernung zum Bildschirm korrigiert
      • keine scharfe Sicht mehr in der Ferne
  • Verschiedene Einschränkungen bei verschiedenen Designs, z.B. mehr oder weniger ausgeprägte Bildsprünge beim Wechsel des Blicks von oberem zum unteren Teil des Brillenglases, sicht- und fühlbare Trennkannte zwischen den Bereichen

Abb.5: Verschiedene Designs von Bifokalbrillen

Abb.6 : Beispiele für verschiedene Designs von Bifokalbrillengläsern (links) Typ Executive (rechts) verblendetes Bifokalglas des Typs Ultex, FF Bifos S, Firma Visal

 

Abb.7 : Sicht einer Person mit einsetzender Presbyopie bei verschiedenen Typen von standardmäßigen Bifokalbrillengläsern (links) Tyo Ultex, (rechts) Typ Executive

Abb.8 : Sicht einer Person mit ausgeprägter Presbyopie mit (links) standardmäßigen Bifokalbrillengläsern und (rechts) speziellen, auf die PC-Arbeit angepassten, Bifokalbrillengläsern

Vorteile von Bifokalbrillen:

  • Kaum Einschränkung der Sehbereiche am Bildschirm
  • Keine Verzerrungen in der Peripherie des Brillenglases (siehe Gleitsicht und sepzielle Bildschirmbrille)
    • gut geeignet für Mutli-Monitor-Anwendungen
    • Kann bei CAD Anwendern, Designer, Grafikern sehr gut funktionieren
  • Große Sehbereiche in Nähe und Leseentfernung (vorallem beim Typ Executive)

Nachteile von Bifokalbrillen

  • in der Regel ist der Einschliff sichtbar und zu Teil fühlbar (Ästhetik)
  • Es lassen sich nur diskrete Entfernungen auskorrigieren
  • Keine scharfe Sicht in der Ferne -> schlecht bei Publikumsverkehr!
  • Brillenwechsel

Anwendung:

  • Normale Bifokalbrille nur bei Jungpresbyopen
  • Spezielle (PC) Bifokalbrille auch bei älteren Bildschirmarbeitern möglich, wenn der Verzicht auf die Fernsicht unproblematisch ist (z.B. kein Publikumsverkehr vorhanden ist)

Die Gleitsichtbrille

Die universelle Gleitsichtbrille ist eine sehr verbreitete Korrektionsmöglichkeit, die die Einschränkungen der Alterssichtigkeit bestmöglich reduzieren soll. Sie stellt einen sehr guten Begleiter für fast alle Tätigkeitsbereiche und Sehanforderungen unseres Alltags dar.

  • Ermöglicht scharfes Sehen in allen Entfernungen (Ferne [F]; Zwischenbereich [Z] und Nähe [N]) bei gleitendem Übergang von der Ferne im oberen Bereich bis hin zur Nähe im unteren Bereich des Brillenglases
    • je nach Blickauslenkung kann mit dem Glas die entsprechende Entfernung scharf abgebildet werden
  • Durch gleitenden Übergang der Fern zur Nahstärke entstehen (technologiebedingt) unscharfe Bereiche, die zum Rand hin zu nehmen

Abb.9: Sicht bei vorhandener Alterssichtigkeit mit einer universellen Gleitsichtbrille

  • Größe der Unschärfe im wesentlichen von vier Faktoren abhängig:
    • der Strecke zur Realisierung des Stärkeänderung
      • Gleitsichtgläser für sehr schmale Fassungen erzeugen per se mehr Unschärfen in den Randbereichen
    • der Technologie des Brillenglas
      • Durch den technologischen Fortschritt lassen sich heute Brillengläser wesentlich besser berechnen (andauender Fortschritt der Computer- und Rechentechnologie) und fertigen (Entwicklung der Freiformtechnologie im Jahr 2000)
    • der Höhe des Stärkenunterschiedes zwischen Ferne und Nähe (Nahzusatz; sog. Addition) somit vom Alter und der Entfernung kritischer Details
      • Beispiele:
        • Bei einer 50 jährigen Person muss das Brillenglas in der Regel weniger Stärkenzuwachs in der Nähe realisieren, als bei einer 65 jährigen Person. Dadurch fallen die unscharfen Randbereiche kleiner aus (unabhängig aller anderer Parameter).
        • Bei einer Person, die mit der Gleitsichtbrille in 40 cm ein Buch lesen möchte ergeben sich kleinere unscharfe Randbereiche als bei einer Person,  die in 30 cm an einem Modell bauen (und dabei kleinste Details erkennen) möchte (unabhängig aller anderer Parameter).
    • Der konkreten Korrektion (Spähre und Zylinder)

 

  • Gleitsichtbrillen werden in der Regel so gefertigt, dass bei einer normalen Kopfhaltung die Ferne scharf gesehen wird, daher erscheint der Monitor, der sich in der Zwischenentfernung befindet z.T. unscharf abgebildet

Abb.10: Nutzung einer universellen Gleitsichtbrille für PC Arbeit, bei entspannter Kopfhaltung erscheint oberer Teil des Monitors unscharf, da dieser im Fernbereich des Gleitsichtglases liegt.

  • Am Bildschirm muss der Kopf etwas angehoben werden, damit der Monitor scharf gesehen werden kann

Abb.11: Nutzung einer universellen Gleitsichtbrille für PC Arbeit, durch das Anheben des Kopfs wird auch der oberer Bereich des Bildschirms scharf, die Person nimmt eine Zwangshaltung ein

Spezialfall: Gleitsichtgläser mit minimaler Addition

Diese Gläser verfügen über eine sehr kleine Unterstützung der Nähe. Durch den geringen Stärkeanstieg sind die unscharfen Bereiche sehr klein und nur wenig wahrnehmbar.

Anwendung:

  • Personen ab etwa 30 Jahren die über müde Augen am PC klagen, v.a. in den Abendstunden. F
    • Durch die Entlastung des visuellen Apparates kann eine Reduzierung der Beschwerden erfolgen.

Handelsnamen:

  • ZEISS Digital
  • Essilor Anti Fatigue
  • Rodenstock Mono Plus
  • uvm

Spezialfall: Personalisierte Gleitsichtgläser (z.B. Rodenstock FreeSign 3)

Die Erfindung der Freiformtechnologie (FreeForm) ermöglicht der Brillenglasindustrie die Lage der unscharfen Bereiche in einem gewissen Maße zu beeinflussen. So können Gleitsichtgläser gefertigt werden, die an spezielle Anwendungsfälle geknüpft sind, wie z.B. Bildschirmarbeit. In Abbildung 12 sind drei Extrembeispiele für Glasdesigns dargestellt, die ein Gleitsichtglas für die Ferne (F), den Zwischenbereich (I, für intermediär) sowie Nähe (N) darstellt. Dabei wird deutlich, dass durch die Gewichtung der jeweiligen Entfernung, stark unterschiedliche Brillengläser hergestellt werden können.

 

Abbildung 12: Extrembeispiele für personalisierte Gleitsichtglas-Designs für verschiedene Anwendungsfälle. Graue Bereiche markieren die unscharfen Bereiche im Brillenglas. Quelle: FORKEL et.al, 2016. Personalized Progressive Addition Lenses: Correlation between Performance and Design – Optometry and Vision Science 94/2, S. 208-2018

Vorteile:

  • Ästhetisch, keine störende Trennkante
  • Kein Brillenwechsel

Nachteile:

  • idR stark eingeschränkte Sehbereiche in der Monitorentfernung
  • Einnahme von Zwangshaltungen durch Kopfanheben

Anwendung:

  • Sporadische PC Arbeit mit vielen Unterbrechungen
  • Viel Publikumsverkehr
  • Große Entfernung müssen scharf gesehen werden

Die Bildschirmbrille

Bei der Bildschirmbrille handelt es sich ebenfalls um eine Art des Gleitsichtglases, allerdings stark spezialisiert, um ein ermüdungsfreieres Arbeit am PC zu ermöglichen. Im Vergleich zum universellen Gleitsichtglas wurden zwei Parameter verändert:

  • Im dem Bereich, durch das der Nutzer bei entspannter Kopf- und Körperhaltung durch das Brillenglas schaut, wird die Bildschirmentfernung eingearbeitet
  • Die Strecke zur Realisierung des Stärkeänderung erhöht.

Die beiden Optimierungsschritte führen dazu, dass der Bildschirm mit große Sehbereichen bei entspannter Kopf und Körperhaltung  scharf abgebildet wird. Allerdings geht der Vorteil zu Lasten einer scharfen Fernsicht.

Abb.13: Sicht bei vorhandener Alterssichtigkeit mit einerspeziellen Bildschirmbrille

Die Bildschirmbrille ist für die PC Arbeit einer universellen Gleitsichtbrille deutlich überlegen, in einer verblindeten Studie der EAH Jena mit 162 alterssichtigen Bildschirmarbeitern konnte gezeigt werden, dass 84% eine spezielle Bildschirmbrille bevorzugen. Die Bildschirmbrille wurde als komfortabler beschrieben, die wesentlich größere Sehbereiche ermöglicht und dabei spontanverträglicher ist. (Quelle: Kolbe, O. and Degle, S. ‘Presbyopia & VDU Work: Progressive Addition Lens (PALs) vs. Occupational Progressive Lenses (OPLs)’, Optom Vis Sci, 91:E-abstract 145102)

Vorteile:

  • Ästhetisch, keine störende Trennkante
  • Große, stabile Sehbereiche am PC
  • An Arbeitsplatz anpassbar

Nachteile:

  • Keine scharfe Abbildung der Ferne, daher Brillenwechsel erforderlich
  • Durch Unschärfe kann es dennoch zu Problemen bei Multimonitoranordnung kommen

Anwendung:

  • Überwiegende PC Arbeit
  • kaum Publikumsverkehr

Quellen und weiterführende Literatur

Rosenfield, 2016. Computer Vision Syndrome (a.k.a.   digital eye strain), Optometry in Practice

Forkel et al., 2017. Personalized Progressive Addition   Lenses: Correlation between Performance and Design, Optom Vis Sci 94/2, S. 208-218

Kolbe, O. and Degle, S. 2014. Presbyopia & VDU Work: Progressive Addition Lens (PALs) vs. Occupational Progressive Lenses (OPLs), Optom Vis Sci, 91:E-abstract 145102

Jaschinski et al., 2015. Computer vision syndrome in presbyopia and beginning presbyopia: effects of spectacle lens type, Clin Exp Optom 2015; 98: 228—233

Jaschinski et al., 2015. Comparison of progressive addition lenses for general purpose and for computer vision: an office field study, Clin Exp Optom 2015; 98: 234—243

Sheedy et al., 2005. Progressive Powered Lenses: the Minkwitz Theorem Optom Vis Sci 82/10, S. 916-924

Selenow et al., 2002. Assessing Visual Performance with Progressive Addition Lenses, Optom Vis Sci 79/8, S. 502-505